Klassische Musik online - Aktuelles, Konzerte, Biographien, Musik & Videos im Netz.

Klassische Musik und Oper von Classissima

Anna Netrebko

Mittwoch 18. Januar 2017


Crescendo

11. Dezember

Der Herr Publikumsgeschmack – ein Interview

CrescendoIch dachte nicht, dass er kommen würde. Viele hatten schon versucht, ihn zu treffen, aber er macht sich bekanntlich rar. Doch nun öffnet sich die Tür des Starbuck Cafés, in dem wir uns verabredet hatten. Herein kommt ein mittelschlanker, ca. 40-jähriger, etwas androgyner Herr mit einem Gesicht, das man sofort wieder vergessen könnte, wenn es nicht auf so unheimliche Weise….normal wäre. Er setzt sich in einer fließenden Bewegung, geräuschlos. ICH: …äh, schön, dass Sie gekommen sind. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie… DER HERR PUBLIKUMSGESCHMACK: Das ist es ja, niemand erwartet, dass ich je komme. Deswegen macht es mir Spaß, die Leute zu überraschen. Das ist wie in diesem Sketch von Monty Python, „niemand erwartet die spanische…!“ ICH: Kenne ich. DHP: Ach so. Was wollen Sie von mir wissen? ICH: Zuerst einmal: was Sie trinken wollen. DHP: Einen ganz normalen Kaffee mit normal viel Milch und normal viel Zucker. ICH: lachend. Das überrascht mich jetzt nicht – 60 von 100 Amerikanern trinken Kaffee mit ein bisschen Milch und ein bisschen Zucker. Ohne Extras. Der Herr Publikumsgeschmack wirkt unbeeindruckt, fast desinteressiert. Ich hole seinen Kaffee. ICH: Nun, viele machen sich verzweifelt Gedanken darüber, wie Sie ticken. Wie ticken Sie also? DHP: Ich ticke gar nicht. Ich konsumiere. Mein Lebenszweck ist es, zu verbrauchen. Das ist mein Fulltime-Job. ICH: Wie sieht das aus? DHP: Nun, zuerst einmal klicke ich mich ohne Sinn und Verstand durchs Internet. Und zwar immer da drauf, wo Brüste oder Autos zu sehen sind. Am besten beides. Je greller und primitiver, desto besser. Wenn mich dann eine Schlagzeile wirklich anmacht, lese ich dann auch mal einen Text, aber der Artikel darf nicht länger als 600–800 Zeichen sein. ICH: Das ist die von WordPress empfohlene Länge eines Blog-Artikels. DHP: Genau, und wenn es nur ein Zeichen länger ist, schlafe ich sofort ein oder klicke auf einen neuen Busen. Für mich ist es wichtig, dass Texte absolut genormt sind. Nicht zu viele Adjektive, kurze Sätze, kein Konjunktiv. Ansonsten will ich das nicht lesen. ICH: Ich verstehe. Nun wissen Sie ja, was mich besonders interessiert… DHP: Das glaube ich nicht. Ich interessiere mich nämlich für Alles und Nichts. Oder umgekehrt. Nichts interessiert mich wirklich, aber alles kann potentiell für mich interessant sein. Ich mache jeden Trend sofort nach und vergesse ihn sofort wieder. Ich trage die Mode, die alle tragen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, anders zu sein. Ich will sein wie alle. Ich habe durchschnittliche Leidenschaften und durchschnittliche Geheimnisse. Zum Beispiel gehe ich gerne auf… ICH: Geschenkt. Für einen durchschnittlichen Menschen sind sie ganz schön redselig. DHP: Ich rede immer nur dann, wenn Sie eine Pause machen. Solange Sie reden, schweige ich, ohne Ihnen aber zuzuhören, außer Sie sagen genau das, was ich von Ihnen erwarte. ICH: Was Sie von mir erwarten? DHP: Exakt, ich will auf keinen Fall überrascht werden. ICH: Äh… gut, dann zurück zum Thema. Was bedeutet Ihnen klassische Musik? DHP: Absolut gar nichts. Ich weiß nicht, was das ist, habe nichts darüber in der Schule gelernt. Früher habe ich Joe Cocker und Tina Turner gehört, und zwar ausschließlich. Manchmal auch Phil Collins. Kennt man den noch? ICH: Es geht. DHP: Schade, den mochte ich besonders. Der war einfach ein ganz normaler Typ. Alles was der machte, war… aber…. äh… verliert den Faden… verzeihen Sie, manchmal kann ich mich nur schwer konzentrieren. Man hat bei mir ein schweres ADHS-Syndrom diagnostiziert, das permanent besteht. ICH: Aber das haben doch nur ca. 5% der Bevölkerung… DHP: Ich habe ja auch gesagt diagnostiziert. Aber wenn man es sagt, wird es wohl stimmen. ICH: Kennen Sie klassische Musik? DHP: Wie gesagt, mir ist das zu langweilig. Außer ich kenne die Stücke schon. Dann finde ich es zwar auch langweilig, aber irgendwie beruhigend. Man sollte auf jeden Fall nur die Stücke spielen, die ich schon tausend Mal gehört habe, ansonsten ist es zu aufregend für mich. ICH: Waren sie schon einmal in einem Konzert mit Neuer Musik? DHP: Ich weiß nicht, was Neue Musik ist. Und wenn ich es wüsste, würde ich schreiend davonrennen. Ich würde sofort mein Abo kündigen. ICH: Ich dachte, sie gehen nicht… DHP: Egal. Sie verstehen, was ich meine. Ich würde mein Abo kündigen. Wenn ich eines hätte. ICH: Welche klassische Musik kennen Sie? DHP: Ich kenne die Violinsonaten von David Garrett. Ein großer Meister. ICH: Warum? DHP: Weil alle sagen, dass der ganz toll spielen kann. Und wenn alle das sagen, dann muss das auf jeden Fall stimmen, denn was alle sagen, ist immer relevant, es ist immer richtig. Es müssen nur möglichst viele Menschen sagen. ICH: Was kennen Sie denn noch? DHP: Den Busen von Anna Netrebko. Ich liebe ihn, weil er auf so vielen Plattencovern zu sehen ist. Die Sängerin die dranhängt ist auch nicht so schlecht. Sagen zumindest alle. ICH: Erzählen Sie mehr darüber! DHP: Bei Plattencovern, da kenne ich mich aus. Es muss hölle gephotoshoppt sein, sonst schaue ich das gar nicht an. Erst wenn die Gesichter aussehen wie weiße Pfannkuchen, bemerke ich es überhaupt erst. Die Lippen müssen rot geschminkt sein, egal ob Mann oder Frau. Und hübsch müssen sie sein, sonst kaufe ich das nicht. Wenn ich mit der Person auf dem Cover nicht sofort Sex haben möchte, funktioniert das mit der klassischen Musik nicht für mich. ICH: Was interessiert Sie noch? DHP: Interessante Geschichten. Die Musik allein ist ja auf jeden Fall zu langweilig. Wie heißt diese Französin, die immer mit den Wölfen heult? Oder bumst, was ich noch geiler fände…? ICH: Hélène Grimaud DHP: Genau, die. Sie erzählt einem alles aus ihrem Privatleben, das gefällt mir. Ich will alles wissen, jedes Detail, Hauptsache es ist irgendwie versaut, geil oder hat irgendwie mit Sex zu tun. Jedes Mal wenn Garrett seine Alte durchprügelt, kaufe ich seine neue CD – Ich habe schon hunderte im Schrank. Oder wie heißt dieser Österreicher, der mit seiner Sexsklavin? Das ist doch einfach saugeil. Die Musik sagt mir nichts, aber das ist so mutig und wichtig, was der macht… ICH: Lassen wir dieses Thema lieber… DHP: Wie gesagt, wenn über etwas geredet wird, kenne ich es, ansonsten will ich es nicht kennenlernen. Wenn es viele betroffen macht, dann macht es auch mich betroffen. Und dann finde ich es toll, wenn ich auch betroffen bin. Denn ansonsten habe ich nicht so viele Emotionen. Eigentlich gar keine. Erst wenn andere darüber reden, kann ich etwas fühlen. Von selber fühle ich nichts. Andere müssen mir zeigen, was sie fühlen. Deswegen finde ich auch Lang Lang gut. Den Namen kann man sich gut merken, und der zeigt mir immer, wie ich die Stelle empfinden soll, die er spielt. Ansonsten wüsste ich nämlich nicht, wie die gemeint ist. Ich will nichts selber entdecken, das ist mir zu aufregend. Ich habe einen nervösen Magen. ICH: Ach… DHP: Und hunderte kleine Allergien. Das ist heute absolut durchschnittlich. Ich mache diesen Trend einfach mit. ICH: Was fällt Ihnen noch zum Thema klassische Musik ein? DHP: Thomas Gottschalk. Der weiß auf jeden Fall nicht mehr als jeder andere, und er stellt auch genau dieselben dämlichen Fragen wie jeder andere. Das finde ich richtig toll an dem. ICH: Sie meinen wie bei der ECHO-Verleihung? DHP: Genau. Mir gefällt das exakt so gut. So will ich es haben. Klassische Musik auf jedem Fall in kleinen Häppchen, mit kurzen Höschen und geilen Schnepfen und Typen, die hektisch auf und ab springen und möglichst schnell spielen, unterbrochen von dämlichen, vollkommen banalen Moderationen. Nur so halte ich diese Scheißmusik aus, als komplettem Trash für sabbernde Idioten. Oder wenn Daniel Hope mir das erklärt. Am besten mit einer netten Anekdote. ICH: Aber Sie sabbern doch gar nicht… DHP: beginnt dämlich zu glotzen und zu sabbern ICH: Äh, geht es Ihnen gut? DHP: Reingelegt! Haha! beginnt plötzlich lauthals zu weinen ICH: Was ist denn jetzt los? DHP: Alle, alle wissen immer ganz genau… buhuuu… was ich will…. alle wollen es mir immer (schluchzt) Recht machen. Ich halte es fucking verdammt nochmal nicht mehr aus!!!! Gar nichts wisst ihr, ihr Schweine, gar nichts!!! Ihr wisst nicht, was ich wirklich will! Und ihr werdet es nie erfahren! ICH: Ich verstehe nicht… Sie sagten doch eben, dass… DHP: HALTEN SIE DIE KLAPPE!!!!! ICH schockiert DHP: Sehen Sie, jetzt bin ich der Bestimmer! Jetzt sage ich Ihnen, wo es lang geht! Zuerst einmal: Dieser ganze Klassikzirkus – das nervt mich so dermaßen. Ich kann diese Altersheim-Demenzkonzerte nicht mehr sehen, diese ganzen Fratzen. Warum machen junge Menschen sowas mit? Ich LIEBE das Ungewöhnliche. Ich LIEBE Überraschungen. Ich will endlich, endlich, endlich Mal wieder von etwas überrascht werden. Ich will wieder lachen, wieder weinen, verzweifelt sein, mir die Haare raufen. Ich will Gras unter meinen Füßen spüren. Ich will in schrillen Klängen baden. Ich will mein eigenes Ding. Ich will nichts Vorgefertigtes mehr bekommen. Ich will hinauslaufen, in die Wildnis, Erfahrungen machen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, dann gibt es doch jemanden wie mich überhaupt nicht. Ich bin doch ein Ungeheuer, eine Unmöglichkeit, ein Phantom, ein… verschwindet ICH Äh, Herr Publikumsgeschmack? Herr Publikumsgeschmack? Wo sind Sie? Keine Antwort Mein Gegenüber hat sich in Luft aufgelöst. Nicht die geringste Spur von ihm ist zurückgeblieben. Vielleicht hat es ihn nie gegeben. Vielleicht hat diese Begegnung nie stattgefunden. Verwirrt nehme ich meine Sachen, stehe auf und gehe. Von Moritz Eggert

musik heute

11. Januar

Anna Netrebko: "Es wird immer schwerer, gut auszusehen"

München – Die russische Opernsängerin Anna Netrebko (45) hat nach eigener Darstellung zunehmend Probleme mit ihrem Erscheinungsbild. "Es wird immer schwerer, gut auszusehen. Die ständige Zeitverschiebung ist für mich ein Desaster", sagte sie dem Magazin [...] The post Anna Netrebko: "Es wird immer schwerer, gut auszusehen" appeared first on MUSIK HEUTE .




Crescendo

22. November

Kontrovers: die Stadion-Aida - Was bringt Domingos viel zu große Opern-Show?

Placido Domingo plant mit einer “Aida”-Produktion durch Fußballstadien zu tingeln. Man könnte Klassik auch anders unter das Volk bringen, findet unser Kolumnist. Von Axel Brüggemann Groß, größer – Domingo. Es gibt wohl keinen lebenden Sänger, dessen Karriere so gigantisch, so vielfältig und in allen Belangen so genial verlaufen ist wie jene von Placido Domingo (und auch unter den Nichtlebenden wird es schwer, einen wie ihn zu finden). Domingo das Zarzuela-Kind, das Tenor-Genie, die Jahrhundert-Stimme, der Drei-Tenöre-Miterfinder, der Intendanten-Aufmischer in Los Angeles und der zumindest schmackige Dirigent. Anders als viele andere Sänger hat er es geschafft, auch im hohen Alter (offiziell gibt er 75 Jahre an) würdevoll weiter zu machen. Standbeine hat er genug, und selbst als Sänger ist er noch immer beeindruckend, etwa als Macbeth in Wien oder als Gianni Schicchi auf der aktuellen Sony-DVD, als Nabucco oder Francesco Foscari auf den Bühnen der Welt. Der Mann hat in seinem Leben ziemlich vieles ziemlich richtig gemacht – und seine Stimme ist wahrlich gesegnet. So einer wie Domingo darf inzwischen alles. Und diese Freiheit nimmt er sich. Sein neuester Scoop ist allerdings ein wenig fragwürdig. Im Sommer 2017 will er Verdis „Aida“ als Massen-Produktion durch Europa touren lassen: Gelsenkirchen, Hamburg, Wien, Frankfurt, Brüssel, Paris und Stockholm – das große Triumph-Marsch-Finale soll dann im Münchner Olympiastadion stattfinden. Domingo selber fungiert als künstlerischer Direktor und als Dirigent, die Regie soll Stefano Trespidi übernehmen, ein enger Mitarbeiter Domingos in Los Angeles, geschult in der Arena von Verona und Ziehkind von Opulenz-Opernmachern wie Franco Zeffirelli, Giancarlo Del Monaco und Graham Vick. Mit anderen Worten: Es dürfte solide, golden und prunkvoll zugehen bei dieser „Aida“ samt LED-Leidnwänden. Die Werbung läuft bereits großmäulig auf Hochtouren: „Aida – The Stadium World Tour“, „Das monumentale Opern-Erlebnis 2017“, „Aida – faszinierend wie nie!“ Neues Publikum? – Kaum! Domingo selber glaubt, dass Veranstaltungen wie diese „Aida“ ein neues Publikum zur Oper bringen würden. Genau das sagt er schon seit Jahrzehnten. Auch, wenn man ihn auf die „Drei Tenöre“ anspricht, erklärt er routinemäßig, wie viele neue Zuschauer Big P., José Carreras und er durch ihr gemeinsames Auftreten für die Oper gewonnen hätten. Statistisch lässt sich das schlecht beweisen. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sich diejenigen, die sich eine „Drei Tenöre“-CD gekauft haben anschließend auch die Gesamtaufnahme von „Otello“ zugelegt haben. Es geht an dieser Stelle um die Frage, wann klassische Musik es schafft, zum Event zu werden – und ob sie das überhaupt schaffen muss. Bei Domingo funktioniert das inzwischen so, dass es reicht, wenn er ein Event bekanntgibt. Im Fall der „Aida“ ist das Rest-Ensemble dann auch relativ egal (Liudmyla Monastyrska, Ekaterina Gubanova, Jorge de Leon und Erwin Schrott sollen an dieser Produktion mitwirken). Die Klassik – und die Oper allemal – hat es heute schwer, überhaupt noch durchzudringen. Rezensionen auch aus kleineren Häusern sind weitgehend aus den überregionalen Feuilletons verschwunden. Im Internet, aber auch im Print, kommt sie hauptsächlich in Nischen vor, auf speziellen Seiten oder in Fachmagazinen – hier erreichen sie ein Publikum, das bereits klassisch sozialisiert ist. Wenn die Oper dann doch einmal in die breite Öffentlichkeit gelangt, ist sie meist an große Namen oder besondere Orte gebunden: Egal, wo Anna Netrebko mitsingt – allen ihre Mitwirkung scheint für viele Medien bereits ein Garant zu sein, dass ein öffentliches Interesse besteht. Oder es sind die großen Festivals, die Open-Air-Events, die „aufgeblasene Oper“, die einen Widerhall in einer breiten Öffentlichkeit bekommt. Echoräume der Klassik Wenn wir derzeit so viel über „Echoräume“ sprechen, darüber, dass Menschen auf Grund einer sich wandelnden Medienlandschaft nur noch von jenen Nachrichten erreicht werden, die sie sowieso interessieren, dann ist auch die Klassik längst in einem Echo-Raum eingerichtet, in dem allerhand Freaks (und das ist liebevoll gemeint) sich gegenseitig Fachwissen und Meinungen um die Ohren hauen. Die Momente, in denen sie diesen Raum verlässt, sind dabei nicht immer Erfolgsgeschichten: Etwa die unsägliche „Traviata“ von Sofia Coppola und Valentino, die kürzlich ausgestrahlt wurde, aber auch Veranstaltungen wie der „ECHO Klassik“ sind zwiespältig. Etwa wenn die Veranstaltung von Thomas Gottschalk bereits mit einer Art „Beipackzettel“-Moderation eröffnet wird, dass es nun wirklich sehr schwer würde, und dass er sich wundert, wie man das durchalten soll – schließlich ginge es ja nun um – oh Gott! – klassische Musik. Kein Wunder, dass die Zuschauerkurve nach dieser Anmoderation ziemlich schnell nach unten gefallen ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man die Klassik besser aus ihren Echoräumen holen könnte. Was die Musik so besonders macht ist zunächst ihre Schönheit, die Möglichkeit des pathetischen Ausdrucks, etwas ausdrücken zu können, das in anderen Künsten auf diese Art vielleicht nicht auszudrücken ist. Vielleicht ist es auch die Leidenschaft der Künstler, die Atmosphäre des Kunstortes, der den Charme der Musik ausmacht. Zu beobachten wäre all dieses übrigens an fast allen deutschen Stadttheatern. Domingos „Aida“-Projekt und ein Großteil der klassischen Musik, wie sie in unseren überregionalen Medien vorkommt, scheint indes zu glauben, dass Stars und Größe automatisch dafür sorgen, ein neues Publikum langfristig an die Musik zu binden. Eine These, die zumindest bezweifelt werden darf: Das große Entertainment und das gleichzeitige, scheinbare Kleinmachen und Lustigreden der Musik ist eben nicht, worum es in dieser Kunst eigentlich geht. Klassik ist immer auch die Lust daran, sich einzulassen, hinzugeben, das Außen abzuschalten, Zeit zu haben, weiter zu suchen – dem Unerreichbaren auf der Spur zu bleiben. Mit anderen Worten: Das Bild der leicht konsumierbaren Kunst ist ein Trugbild, das spätestens beim ersten richtigen Opernbesuch oder beim Kauf einer Gesamtaufnahme einen herben Dämpfer bekommt. Die Verpackung des Events verspricht ein falsches Geschenk, denn nach dem Auspacken ist die klassische Musik viel größer, viel tiefer, viel fordernder als all das, was uns oft so bunt und kleingeredet vorgegaukelt wird. Es ist schwer, einen Dinosaurier in eine Ringschachtel zu packen. Warum nicht Wozzeck? Natürlich ist es zunächst einmal ein gutes Anliegen, Opern überhaupt „unter das Volk“ zu bringen. Aber wie wäre es, wenn Placido Domingo einmal auf „Wozzeck“ setzen würde oder auf „Parsifal“. Ja, warum überhaupt trauen sich Opern-Vermittler wie Domingo oder andere nicht an Werke, die uns und unserer Wirklichkeit viel mehr zu sagen hätten: „Blaubarts Burg“, „Die Soldaten“, „Lulu“, „Moses und Aron“ – all das sind längst ebenfalls Opern-Klassiker, die unserer Zeit entsprechen, weil sie radikal sind, kantig und kontrovers. Und was, wenn das Fernsehen statt vieler kleiner Häppchen wagen würde, einen Marathon zu präsentieren, eine komplette Oper mit Blicken hinter die Kulissen, mit leidenschaftlichen Gesprächen – einen Abend, auf den man sich einlassen muss. Ein TV-Event, das nicht am Kern der Musik vorbei segelt, sondern den Kern an sich immer wieder thematisiert: die Leidenschaft, das Große, das Komplexe? Mit Formaten wie „Aida im Olympiastadion“ hat die Musik zwar die Chance, auch in andere Echoräume zu dringen, aber dafür macht sie sich in all ihrer Aufgeplustertheit kleiner als sie eigentlich ist. Sie suggeriert ihre Größe lediglich als Spektakel, das an den außergewöhnlichen Ort und an die außergewöhnliche Ausstattung gebunden ist. Das wahre Spektakel der Oper aber ist ihre Intimität. Diese Nähe könnte man in vielen Städten allabendlich an Stadttheatern erleben. Wäre das nicht wirklich revolutionär und populär, wenn man Deutschlands Opernszene multimedial vernetzen würde. Schließlich funktioniert die Bundesliga auch, obwohl es neben Bayern auch den HSV und Werder Bremen gibt. Warum kehren unsere Medien nicht an das Stadttheater zurück, wo Klassik Arbeit, Leidenschaft und alltägliche Auseinandersetzung bedeutet? Meine Vision für die Oper im Fernsehen der Zukunft: Die Live-Übertragung aller Stadttheater-Premieren auf einem eigenen Sender (oder Stream), so dass sich die einzelnen Häuser in Deutschland an ihren „Aidas“, „Traviatas“ und „Carmens“ vergleichen lassen können, uns aber auch ihre „Wozzecks“, „Blaubärte“ und „Lulus“ zeigen. Das würde ganz nebenbei übrigens auch die etwas eigeschlafenen Ambitionen der Häuser wecken. Die überregionalen Feuilletons unserer Zeitungen haben die Stadttheater längst aufgegeben. Es ist Zeit, dass das Fernsehen oder das Netz sie zurückerobert – und das Publikum, das in Oldenburg, Nürnberg oder Leipzig seine eigene „Aida“ sehen könnte. Vielleicht ohne Placido Domingo – dafür aber nahe an den Künstlern und ohne die Oper über Preis und gleichsam mit billigem Klischee zu verkaufen.

Crescendo

14. November

Revolution und Restauration in Salzburg - Warum Hinterhäuser Festspiel-Programm ein Zeichen der Zeit ist

„Make Salzburg Great again!“ – Markus Hinterhäuser stellt das Programm 2017 vor und entpuppt sich als Obama der Kultur: Mehr Miteinander, mehr Eigenverantwortung, mehr nachdenken. Von Axel Brüggemann Es wird derzeit ja viel über Eliten, verkrustete Strukturen, über Lobbyisten und Systeme debattiert, die nur noch wenig mit dem zu tun haben, was die Menschen bewegt, über Seilschaften, Netzwerke und die Spaltung der Gesellschaft. Das Gute an der Kultur ist, dass sie – wenn sie aktuell ist – jene Welt, in der wir leben, widerspiegelt. Und, ja, es fällt nicht schwer, auch in der Kultur weltfremde Verkrustungen aufzuzeigen. Schaut man sich etwa die Salzburger Festspiele an, haben sie in den letzten Jahren genau jene Gegenwart wiedergespiegelt, gegen die derzeit so viele Sturm laufen: Eine Elite aus Showbusiness, Politik und Gesellschaft gibt sich ein sommerliches Stelldichein, man sieht und wird gesehen, gibt horrendes Geld für Karten aus und erwartet dafür, dass die abendlichen Vorstellungen bitteschön als nette Klangtapete dienen. Es war der Intendant Alexander Pereira, der dafür gesorgt hat, dass einer des spannendsten Festivals an diesen Punkt katapultiert wurde. Sein Salzburg war vor allen Dingen ein Laufsteg für den Intendanten selber, der es offensichtlich genoss, sich mit Prominenz zu umgeben und seine Sponsoren mit jener Kultur zu füttern, die er für geeignet erachtete: Schauspiel, Konzert und Oper, die vor allen Dingen schön sein sollten! Selbst seinem Interims-Nachfolger Sven-Eric Bechtolf war es nicht gelungen, diesen Status Quo zu ändern. Die Konsequenz: das Feuilleton und die interessierten Zuschauer verloren das Interesse an Salzburg. Der Strippenzieher Nun hat „Intendant Elect“, Markus Hinterhäuser, das Programm seiner ersten Salzburger Saison im Sommer 2017 bekannt gegeben (hier alle Veranstaltungen ). Es ist kein Geheimnis: Seit Jahren hat auch er Kultur- und Machtpolitik in den Hinterzimmern betrieben, Politiker und Journalisten in Salzburgs Cafés getroffen und sie darauf eingeschworen, dass die Salzburger Festspiele endlich revolutioniert werden müssten – und dass er der geeignetste Mann für diese Aufgabe sei. Mein Hinterstübchen-Treffen mit ihm fand in Wien statt, in der „China Bar“, in der er mir – bei allerhand Zigaretten und Bier – erklärt hat, was nun nötig wäre. Zunächst hat Hinterhäuser begonnen, über Leonard Cohen zu schwärmen („zu seinen Konzerten würde ich auf den Knien kriechen“), dann hat er durchblicken lassen, dass er das, was damals in Salzburg lief, für Totengräberei hielt und sich schließlich mächtig über den herrschenden „Kulturkonsum“ aufgeregt. „Wenn ein Publikum die ‚Kindertotenlieder’ hört und danach noch in der Lage ist, Champagner zu schlürfen“, regte er sich auf, „dann ist mit der Aufführung irgendetwas schief gelaufen.“ Hinterhäuser will keine Kultur als Soundtrack der Schicki-Mickis, seine Kultur, so erklärte er damals, soll verwirren, Ohren öffnen, schockieren, zum Neudenken herausfordern. Mit anderen Worten: Auch sein Salzburg soll politisch sein, aber nicht als Ort des Inzests, sondern als Location des freien Denkens. Schon vor zwei Jahren sagte er auf Bedenken, ob sein Programm überhaupt durchsetzbar sei – politisch und wirtschaftlich: „Wir leben in einer Welt, in der die Leute vielleicht mehr Fragezeichen vor sich hertragen als manche Politiker und Theatermacher es wahrhaben will. Die Zeit ist reif, daraus Kapital zu schlagen.“ Was er meinte: Die Kultur, die er anbieten will, sollte das Bestehende nicht bestätigen, sondern hinterfragen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Zeit für Hinterhäuser reif war: Zunächst hatte er gegen Pereira verloren, dann verging noch einmal Zeit – nun, endlich, war auch das Salzburger Kuratorium bereit für den Wandel. Gerade noch rechtzeitig. “Make Salzburg great again” Hinterhäuser will „Salzburg great again“ machen, aber dafür setzt er nicht auf radikale Systemänderung, nicht auf despotische Revolution und vor allen Dingen nicht auf Provokations-Populismus. Er ruft eher „Yes, we can!“ und glaubt daran, dass das Festival gemeinsam mit dem Publikum – dem alten und dem neuen – wieder spannend werden kann. Hinterhäuser ist kein dogmatischer Revoluzzer, sondern ein Begeisterer für das Denken. Das hat er bereits als Chef der „Wiener Festwochen“ durchblicken lassen. Und genau davon erzählt auch sein neues Programm in Salzburg. Hinterhäuser gibt dem Establishment durchaus Zucker: „Aida“ mit Netrebko unter Leitung von Riccardo Muti – das hätte auch in den letzten Jahren auf dem Programm stehen können. Dafür muss sich das Publikum heuer aber mit der Lesart der iranischstämmigen US-Amerikanerin Shirin Neshat auseinandersetzen. Die Videokünstlerin kannte Verdis Oper nicht, als Hinterhäuser sie anfragte – aber sie war begeistert, Regie führen zu dürfen. Man darf eine vollkommen neue Lesart erwarten. Ähnlich publikumswirksam dürfte Domingos Auftritt in „I due Foscari“ sein. Aber dafür bietet Hinterhäuser dann eben auch Moderne für Herz und Hirn an. Er hat verstanden, dass Opern wie „Lady Macbeth von Mzensk“ (Regie: Andreas Kriegenburg, Dirigent: Mariss Jansons), „Wozzeck“ (William Kentridge und Vladimir Jurowski) oder „Lear“ von Reimann (Simon Stone, Franz Welser-Möst) längst Klassiker sind. Dass es durchaus ein Publikum gibt, das keine Angst mehr vor der Moderne hat. Also stellt er mit diesen Opern Stücke auf das Programm, die das Potenzial zur Verstörung haben, aber dabei immer auch an den sinnlichen Impuls appellieren. Ähnlich ist sein Schwerpunkt zu 450 Jahre Monteverdi aufgebaut: John Eliot Gardiner wurde beauftragt, die Modernität des Alten unter Beweis zu stellen. Hinterhäuser versteht es, das Entdecken zu einem Lustgewinn zu machen. Und das tut er auch bei den geladenen Künstlern: Klar, Theodor Currentzis für „Le clamenza di Tito“ einzuladen, ist vielleicht nicht besonders mutig, sondern eher ein sicherer Erfolg – aber es wird ein Mozart-Neulesen in Salzburg geben. Ähnlich mit den Orchestern, Dirigenten und Virtuosen, die Hinterhäuser für die Konzerte einlädt: Neben den Wiener Philharmonikern bekommt Currentzis’ „musicAeterna“ einen großen Raum, um seine Arbeit an Mozart zu untermauern, die Berliner Philharmoniker werden kommen und Pittsburgh. Beim Nachwuchs setzt Hinterhäuser zum Glück nicht länger auf Dudamels Venezuela-Propaganda mit dem „Simon Bolivar Jugendorchester“, sondern auf musikalisch glaubhaftere Ensembles wie das Gustav Mahler Jugendorchester (mit Metzmacher) und das West-Eastern Divan Orchestra (mit Barenboim). Ähnlich abwechslungsreich seine Solisten-Riege. Neben Anne Sophie Mutter (der Klassik-Klassikerin) hat Pianist Hinterhäuser folgende Klavier-Kollegen eingeladen: Schiff, Sokolov, Kissin, Levit, Uchida, Argerich und Pollini – das ist zum Teil bewährt, zum Teil spannend, zum Teil auch ein bisschen anbiedernd. Schade, dass Hinterhäuser nicht über seiner kleinen Fehde mit Rudolf Buchbinder steht und den Salzburger Publikumsliebling heuer nicht eingeladen hat – so hätte er ein Zeichen für Versöhnung setzen können. Dennoch: Hinterhäuser lädt wieder Klasse ein, echte Könner – Musiker, die Musik mit Denken verbinden und nicht mit purem Entertainment. Mitnehmen statt spalten Tatsächlich scheint es dem neuen Intendanten zu gelingen, Salzburg zwar nicht neu zu erfinden, sondern innerhalb der Konventionen an neue Grenzen zu führen. Und damit könnte sein Verständnis von Kultur durchaus auch als Modell für die wirklich wahre Welt dienen: Mitnehmen statt spalten, ernst nehmen statt lächerlich machen, besser machen statt meckern. Hinterhäuser gelingt es in seinem ersten Programm, das Stammbublikum nicht zu düpieren, es mitzunehmen. Anders als einst Gérard Mortier – der den Krieg gegen den Klunker geführt hat – verspricht Hinterhäusers Programm etwas Anderes: Die Vereinigung des Alten mit dem Neuen, das Mitnehmen aller, die auch nur das geringste Interesse an einer Kultur haben, die nicht allein als Tapete, sondern auch zum eigenen Denken anregt – ein Programm jenseits der Ideologie, in dem die Musik und die Könnerschaft die Hauptrolle spielt. Hinterhäuser geht es in seinem ersten Programm nicht um die pure Provokation, sondern um die Begeisterung, darum, Salzburg wieder spannend und etwas unvorhersehbarer zu machen, zu einem Ort, an dem die Tradition auf die Erneuerung trifft – und um dauernden Diskurs. Allein damit ist schon viel geschafft: Salzburg entblättert die Goldfolie und mischt die olle Mozart-Schokolade seiner Musik-Kugeln mit exotischen Gewürzen. Verstörend ist das nicht – spannend ist das allemal



Crescendo

18. Oktober

„Lernen Sie Deutsch!“

Erst Köln, dann Schwarzenberg – und irgendwann nervt es nur noch. Warum die dumm-deutschnationalen-Zwischenrufer längst auch in bürgerlichen Konzerthäusern pöbeln. Zugegeben, es ist ziemlich einfach, einen Idioten einen Idioten zu nennen. Und Idioten waren die beiden Zuschauer, die – zunächst in der Philharmonie in Köln, einige Monate später bei der Schubertiade im österreichischen Schwarzenberg – aus dem Zuschauersaal die Künstler Mehan Esfahani und Ian Bostridge angepöbelt haben, indem sie grölten, dass sie deutsch sprechen, beziehungsweise Deutsch lernen sollten. Idioten, weil sie zum einen gegen die Konventionen eines Konzertes verstießen – in das man normalerweise geht, um zuzuhören und nicht, um gehört zu werden – und, klar, weil Sätze wie „Sprechen Sie deutsch!“ oder „Lernen Sie Deutsch!“ gerade in dieser Zeit allerhand Beklemmungen auslösen. Deutschnationale Zwischen-Brüller sind in einem Konzertbetrieb, in dem das Internationale gang und gäbe ist, ungefähr so fehl am Platz wie Tofu-Burger oder rote Nelken auf einer Nazi-Demo. Aber unsere Wut und Entrüstung über derartige Zwischenfälle, unsere öffentliche Brandmarkung der Störer als Idioten ist nur ein Teil der Geschichte. Der FAZ-Redakteur Patrick Bahners (er war in Schwarzenberg zugegen) hat in seinem sehr lesenswerten Bericht des Abends eine wesentliche Frage aufgeworfen. Ihn hat nicht nur der Störer irritiert, er war auch von seinem eigenen Verhalten erschrocken. Ein ganzes Auditorium verfiel nach dem Zwischenruf in Schockstarre, danach gab es Buhs für den Zwischenrufer, schließlich Applaus für Bostridge. Aber niemand der Anwesenden erhob seine Stimme, niemand rief „Entschuldigung!“, niemand „Gehen Sie doch, wenn es Ihnen nicht gefällt!“, niemand antwortete: „Ich würde das Konzert gern ungestört hören!“ Es war der Sänger selbst, der den Zwischenrufer nach dem Konzert stellte und ihn bat, sich auf der Bühne zu erklären – was dieser natürlich weder wollte noch konnte. Und, ja, Patrick Bahners wirft eine durchaus legitime Frage auf: Warum, verdammt, schweigt die Masse – auch im vermeintlich so aufgeklärten Umfeld der Klassik? Eine andere wesentliche Frage ist, wie es überhaupt kommt, dass sich derartige Zwischenfälle häufen. Dass Konzerthallen für Künstler keine Schutzräume mehr darstellen, sondern dass sie sich zu vorchristlichen Arenen verwandeln, in denen der Mob sich die Freiheit nimmt, die Kultur durch nationale Pöbeleien zu unterwandern. Und mehr noch: dass der Einzelne inzwischen wieder Mut findet, in der öffentlichen Masse Dinge zu tun, die noch vor drei oder vier Jahren unvorstellbar gewesen wären – da sie sich einfach nicht gehörten. Betrachtet man die beiden Konzerte in Köln und Schwarzenberg unter diesem Aspekt, hilft es vielleicht, zu verstehen, dass Strömungen wie Pegida oder eine Partei wie die AfD längst nicht mehr in den Extremen unserer Gesellschaft zu Hause sind, sondern selbstverständlich in die so genannte bürgerliche Mitte (für die klassische Musik und Theater stets wesentliche Identifikationspunkte waren) gerückt sind: „Sprechen Sie deutsch!“, „Lernen Sie Deutsch!“, ja, warum nicht gleich: „Deutsches Liedgut den Deutschen!“ Das sind keine Slogans mehr, die vom rechten Rand in unsere Mitte donnern, sondern sie zünden heute – ganz selbstverständlich – bereits mitten in unserer Kulturlandschaft, also an jenem Ort, den wir eigentlich für besonders „kultiviert“ halten. Es sind die Biedermeier, die wieder Lust am Brandstiften haben. Und dabei sabotieren sie ausgerechnet die Grenzen des Biederen. Letztlich ist der Ruf „Lernen Sie Deutsch!“ in einem Konzert nichts anderes als der Schießbefehl-Schwachsinn einer Beatrix von Storch auf Facebook: ein ideologischer Amoklauf, der von einer schweigenden Masse verdutzt ausgehalten wird und gleichsam heimlich viele Anhänger findet – und der für den größtmöglichen medialen Rummel sorgt, den Worte auslösen können (diese Kolumne ist dummerweise ein weiterer Beweis dafür). Ja, es würde mich nicht wundern, wenn diese Leute am Ende noch behaupteten, dass Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik Schuld an ihrem Verhalten seien. Die Wahrheit ist allerdings, dass man für die eigene Ungehörigkeit nur einen verantwortlich machen kann: den Ungehörigen selbst! Die Hemmschwellen der Bürgerlichkeit sind längst gefallen. Dass in Deutschland und in Österreich wieder ein Klima herrscht, in dem man „so etwas doch wohl mal sagen darf “ (nicht nur am Kellerstammtisch, sondern auch aus dem Dunklen eines Konzerthauses heraus), ist erstaunlich. So hehr und gutmenschlich wir die Kultur noch immer gern sehen, so klar wird, dass auch hier inzwischen die Abgestumpftheit eingezogen ist, die in sozialen Netzwerken Alltag ist. Und mehr noch: Es sind keine Trolle, die uns hier mit ihrem anonymen Gebrülle auf den Senkel gehen, keine Tastenwichser die sich die Nacht mit einem Dosenbier, allerhand angestautem Frust und ollen Feinrippunterhosen vor dem Computer um die Ohren hauen, sondern greifbare, echte Menschen in Anzug und Krawatte. In Schwarzenberg war es ein etwa 70-jähriger Herr, der Patrick Bahners bereits an der Garderobe aufgefallen war, wo er sich lautstark über die Interpretation von Matthias Goerne echauffierte. Einer, der offensichtlich glaubt, dass die Welt etwas verpasst, wenn sie seine Meinung nicht hört. Ich frage mich, was Menschen treibt, sich derart asozial gegenüber dem Künstler und dem restlichen Publikum zu verhalten. Und mir fällt nur eines ein: abgründiger Frust! Und dieser Frust muss so groß sein, dass er hilft, natürliche Hemmschwellen zu überwinden. Wer im Konzerthaus schreit, ist zunächst einmal mutig. Er kann nicht erwarten, dass das Publikum schweigt und ihn gewähren lässt (das hat selbst Patrick Bahners erstaunt). Er muss damit rechnen, dass er selbst zum Objekt der Gegenwut wird. Was also bedrückt die Zwischenrufer so sehr, dass sie ihren Zwischenruf wagen? Ist es wirklich die Aussprache eines Ian Bostridge? Kaum vorstellbar. Schließlich gibt es nur wenige internationale Sänger, die sich intensiver mit der deutschen Sprache und dem deutschen Lied beschäftigen als er. Ist es der Frust, dass ein internationaler Künstler, so wie in Köln, ein Musikstück auf Englisch erklärt? Mit Sicherheit nicht, denn Englisch ist inzwischen nun wirklich eine Allerweltssprache, und selbst wenn man sie nicht versteht, wird man doch wohl einige Minuten „lost in translation“ aushalten. Ist es die grundsätzliche Frage nach künstlerischer Interpretation? Mit Verlaub, aber wer Mario Del Monaco die „Wälsungenrufe“ aus Wagners Walküre hat singen hören, wer Maria Callas als Isolde gehört hat, wird sich kaum über Bostridges Schumann echauffieren können. Und überhaupt: Ist es nicht gerade ein Verdienst, dass gerade die deutsche Romantik zum internationalen Repertoire gehört, das ganz selbstverständlich von Sängern aus der ganzen Welt gesungen wird und längst aus der deutschnationalen Ecke gerückt ist? Nein, es ist heute kein Skandal mehr, dass Anna Netrebko den Text der Elsa im Lohengrin gern als Hilfe auf dem Teleprompter im Orchestergraben hat – wen juckt das bei ihrer großartigen Interpretation? Und gerade bei Wagner, der einst den „welschen Tand“ gegen das Deutschtum ausspielte (nicht nur als Deutschnationaler, sondern auch als Demokrat auf den Barrikaden für Schwarz, Rot, Gold!), ist es doch angenehm, europäisch und modern, wenn nicht mehr jeder Konsonant gespuckt wird. Aber um all das, so vermute ich, scheint es hier gar nicht zu gehen. Der Zwischenrufer im Konzerthaus kalkuliert bewusst den öffentlichen Eklat. Und den haben die Idioten in Köln und Schwarzenberg auch bekommen: Zeitungsberichte, öffentliche Aufmerksamkeit, geballte Kritik der Kulturszene und und und … Ist es am Ende genau das, worum es eigentlich geht? Sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in unserer aktuellen politischen Debatte – und natürlich eben auch in den Konzerthäusern unseres Landes? Es gibt da draußen inzwischen viele Menschen, die sich ungehört fühlen. Die sich nicht vertreten fühlen. Und die in der aktuellen Stimmung die Möglichkeit spüren, mit geringem Aufwand ein gigantisches mediales Echo loszutreten. Die Formel dafür ist einfach: Man suche einen unverfänglichen Ort (Konzerthaus), schreie eine provokante Parole (irgendetwas mit Nation) und lasse geschehen, was geschieht. Es dauert nicht lange, bis dieser Vokal-Terrorismus Blüten treibt – mehr als 15 Minuten Ruhm sind garantiert. Patrick Bahners hat Recht: Es liegt an uns, ob wir das zulassen. Und vielleicht müssen wir, die Verblüfften, den Gegenprotest erst wieder üben, müssen erkennen, dass jene Orte, an denen wir einfach nur bei uns sein wollen, abtauchen wollen, in denen es uns um die Musik geht, am Ende eben doch schützenswerte, öffentliche Räume sind, die auf Menschen angewiesen sind, die aufstehen und ebenfalls ihre Stimmen erheben. Und, ja, wir müssen vielleicht erst wieder lernen, dass Dinge, die vor wenigen Jahren noch heilig waren – etwa unsere Kultureinrichtungen – heute ganz selbstverständlich von Idioten und Populisten entweiht und entwürdigt werden können. Dass das Zuhören, auf das wir uns im Konzert geeinigt haben, nur unser Ansatz ist, während es immer mehr Menschen gibt, denen es selbst in einer Aufführung darum geht, dass man ihnen zuhört (vielleicht weil sie genau das in ihrem Alltag vermissen). Nehmen wir die Zwischenrufe in Köln und Schwarzenberg zu wichtig? Vielleicht wäre es besser, sie zu verschweigen, die Debatte darüber gar nicht erst zuzulassen, dem Feuer der Empörung den Sauerstoff der Öffentlichkeit zu nehmen. Das aber wäre fahrlässig und ein Verrat des Publikums an den Künstlern, die es doch verehrt. Wohl gemerkt, über Ian Bostridges Aussprache und Liedinterpretation kann, darf und sollte man sich natürlich trotzdem streiten. Es wäre aber ein Fehler, schlechtes Benehmen als Streitkultur zu legitimieren. P.S.: Ach so, und trotz dieser vielen Worte. Es waren lediglich zwei Idioten, die sich in den letzten Monaten in unseren Konzerthäusern danebenbenommen haben. Beruhigend, dass die unendlich große Mehrheit noch immer kommt, um zuzuhören. Axel Brüggemann

Klassische Musik und Oper von Classissima



[+] Weitere Nachrichten (Anna Netrebko)
11. Jan
musik heute
11. Dez
Crescendo
22. Nov
Crescendo
14. Nov
Crescendo
10. Nov
musik heute
18. Okt
Crescendo
18. Okt
Crescendo
17. Okt
musik heute
12. Okt
Crescendo
10. Okt
musik heute
10. Okt
musik heute
9. Okt
musik heute
15. Sep
musik heute
8. Sep
musik heute
29. Aug
musik heute
29. Aug
nmz - KIZ-Nachric...
29. Aug
nmz - neue musikz...
29. Aug
musik heute
25. Aug
nmz - KIZ-Nachric...
25. Aug
nmz - neue musikz...

Anna Netrebko




Netrebko im Netz...



Anna Netrebko »

Große Opernsänger

Stabat Mater Lucia Di Lammermoor Rolando Villazón:Boheme Nozze Di Figaro Die Zauberflöte

Seit Januar 2009 erleichtert Classissima den Zugang zu klassischer Musik und erweitert deren Zuhörerkreis.
Mit innovativen Servicedienstleistungen begleitet Classissima Neulinge und Musikliebhaber im Internet.


Große Dirigenten, Große Künstler, Große Opernsänger
 
Große Komponisten der klassischen Musik
Bach
Beethoven
Brahms
Debussy
Dvorak
Handel
Mendelsohn
Mozart
Ravel
Schubert
Tschaikowski
Verdi
Vivaldi
Wagner
[...]


browsen Zehn Jahrhunderte der klassischen Musik...